(German) Überzeugung, Wahrheit & Identität

Tom Gauld
We all need convictions, because we all need a self-identity — a picture of who we want to be. But when we make everything a matter of conviction, our self-identity expands in a dangerous way. We risk confusing our ego with truth, the shifting sands with real bedrock.
  • Michael Patrick Lynch

Über die Weihnachtszeit und zwischen den Jahren habe ich mich etwas weniger mit Roam beschäftigt. Deshalb unterbreche ich diese Woche die Roam Series mit Inhalten, über die ich mir in dieser Zeit stattdessen Gedanken gemacht habe. Diese Gedanken widerum habe ich natürlich der Arbeit mit Roam entnommen. Dieses Thema ist also nicht völlig ohne Bezug zur Serie.

Der Blogger Ben Thomas hat zur Jahreswende unter anderem ein Essay zu Wahrheit, subjektive Überzeugung und Identität geschrieben. In den letzten Wochen hatte ich außerdem eine Diskussion darüber, ob und wann es sinnvoll ist eine gefestigte Meinung zu einem Sachverhalt zu haben. Einen Sachverhalt logisch nachvollziehen zu können, bedeutet bei weitem nicht man wäre ihm aus den Grund gegangen.  Zu häufig beobachte ich mich und andere dabei, dass die eigene Interpretation der subjektiven Informationslage mit der Wahrheit verwechselt wird.

Bis zu einem gewissen Grad verstehen viele nicht, dass Wissenschaft ein Prozess ist und nicht eine Liste unumstößlicher Wahrheiten. Zu Beginn eines noch nicht verstandenen Ereignisses (bspw. zu Beginn der Corona Pandemie) kommunizieren Wissenschaftler:innen widersprüchliche Informationen.

Diese Widersprüche resultieren im Individuum in Zweifel und Skepsis. Dabei verschwindet etwas im Hintergrund auf was sich unsere Welt seit der Aufklärung verlassen hat: die wissenschaftliche Methode.
Auf der Suche nach Wahrheit akzeptieren wir damit die Tatsache, dass wir uns der Wahrheit lediglich annähern und dabei, wie in jedem Prozess, falsche Wege und Sackgassen entstehen.

Eine Studie der University of Texas untersuchte, warum Menschen Fake News folgen. Dabei kam die Studie unter anderem zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Personen persönlichen Anekdoten mehr Vertrauen schenken als wissenschaftlichen Ergebnissen. Das war insbesondere bei medizinischen Notfällen der Fall.
Zusätzliche fanden sie heraus, dass Individuen gerade dann empirische Beweise verwerfen, wenn sich sich selber bedroht fühlen. So nennen die Forscher:innen die seltsame Klopapierknappheit während des Lockdowns als Beispiel.
Verbraucher:innen zogen subjektive anekdotische Informationen den statistischen Fakten vor, kauften zu viel Klopapier und verursachten damit dann erst die selbsterfüllende Prophezeiung des Klopapiermangels. Teilweise bleiben wir als Gesellschaft unwissend über Informationen, die uns eigentlich nutzen würden.

Beispielsweise zeigt eine andere Studie, dass gerade mal sieben Prozent aller Menschen die wissentlich ein hohes Risiko haben, eine Huntington-Krankheit zu entwickeln, sich auch tatsächlich darauf testen lassen.
Obwohl solch eine frühe Erkennung bei der Prävention und Intervention zukünftiger Komplikationen helfen würde. Insgesamt deutet dieser Artikel darauf hin, dass absichtliche Unwissenheit weit verbreitet ist. Wir entscheiden uns bewusst dazu, nicht im vollem Ausmaß mit der Realität konfrontiert zu werden.

Das ist natürlich nicht nur schlecht. Es ist wichtig, die Gegenwart zu genießen, und es ist unbestreitbar schlecht für die psychische Gesundheit, sich in einem ständigen Zustand neurotischer Analyse zu befinden.

Beispielsweise steht die exzessive Nutzung sozialer Medien für die neuesten Gesundheitsinformationen über Corona in einer signifikantem Zusammenhang mit Depressionen und sogenannter compassion fatique. Die Korrelation zwischen steigender Unzufriedenheit und dem Konsum von aktuellen Corona-Nachrichten kann zum Ende des Jahres vermutlich jeder bezeugen. In diesem Sinne sollten wir uns schlechten Nachrichten nur bis zu einem gewissen Grad aussetzen.

Auf welcher Grundlage wir unser subjektives Wahrheitsbild aufstellen entscheiden wir beinah willenlos. Das wird natürlich auch im Kontext von Verschwörungstheorien deutlich, die dieses Jahr ihr großes Comeback gefeiert haben – wenn sie überhaupt je wirklich weg waren. Dieser Tweet des Forscher und Autoren Nassim Taleb fand ich in diesem Kontext sehr interessant:

Und hierin liegt der Punkt: Selbst wenn wir der Logik eines einzelnen Sachverhalts folgen können, sollten der unbekannte Kontext und alle einspielenden Faktoren zumindest einen Restzweifel in uns behalten. Kein origineller Gedanke natürlich. Schließlich beschäftigte sich Karl Popper im Rahmen des Induktionsproblems und David Hume im Kontext des Hume-Problems mit der Frage wann die Wissenschaft auf Allgemeingültigkeit schließen kann.

Doch viel mehr als das Streben nach Wahrheit, scheint die eigene Überzeugung vor allem an der eigenen Identität zu hängen.
So weist eine weitere Studie darauf hin, dass das menschliche Bedürfnis ein positives Bild von sich selbst zu haben und sich sicher zu fühlen, Anreize dafür geben kann, an offensichtlich widersprüchliche Informationen zu glauben.

In unserem passiven Content-Konsum liegt es nahe, sich treiben zu lassen – zu Lesen, was unseren Verdacht bestätigt, den Appetit stillt oder uns tröstet. Wer will schon in einer Welt leben, die dem eigenen Weltbild widerspricht und mit der eine Koexistenz unmöglich scheint. Wer will sich von Wahrheiten lösen, an der unser soziales Netzwerk hängt oder die große Teile unserer Identität ausmachen. Und im Bedürfnis einfach nicht im Dunkeln stehen zu wollen scheint es nachvollziehbar im Notfall auch an Verschwörungstheorien zu glauben. Wenigstens ergibt sich so ein Bild, das man verstehen kann. Ein Bild der Realität, das dem Individuum ein Gefühl von Klarheit gibt.

Entweder bleibt man in ständiger Skepzis und zweifelt an jeder vermeindlichen Erkenntnis. Oder man zieht sich in eine bequeme Blase des Info-Konsums zurück, der alles bestätigt, von dem wir uns wünschen, dass es wahr ist.

Jede subjektive Erkenntnis bleibt eine subjektive Interpretation - und so reicht es vermutlich zu wissen, dass die eigenen Überzeugungen vermutlich auf Schwachsinn beruhen. Ob es nun wahr ist oder nicht, man hält daran fest, weil es uns ein Gefühl der Identität gibt.

Dabei kommt mir ein Zitat in den Kopf, von dem ich eigentlich dachte, es sei von Alexander von Humboldt. Aber ich konnte es nicht wiederfinden, also wer weiß. Jedenfalls heißt es dort:

“In der Ratio Skeptizist - im Herzen Idealist.”
  • vllt. Alexander von Humbolt

Short Mental Framework

Parkinson´s Law
besagt "work expands so as to fill the time available for its completion". Sprich: Eine Aufgabe dauert genau so lange wie die Zeit bis zur Vollendung angesetzt ist.

Formuliert wurde es von Cyril Northcote Parkinson als Teil eines Essays in The Economist im Jahr 1955. Eigentlich kritisierte er damit einen Bürokratiewachstum.

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