(German) Theorie: Nostradamus´Erbe

Mein Feed ist derzeit voller Vorhersagen über die Zukunft, speziell zum kommenden Jahr oder genereller zu der Zeit nach Corona.

Für jede Vorhersage findet sich im Zweifelsfall eine ähnlich verlässlich wirkende Vorhersage, die das Gegenteil behauptet. Am Ende des Jahres wird es dann immer Vorhersagen geben die zutreffen und einem “Ich hab es euch doch gesagt” ist nur schwer etwas entgegen zu setzen.

Die individuellen Kosten für falsche Vorherssagen sind schließlich unglaublich gering. Viele, die Vorhersagen über die Zukunft treffen, haben kein “Skin in the Game”. Dieser Ausdruck kommt von Autor und Risikoforscher Nassim Taleb der im gleichnamigen Buch schreibt:

“Don’t tell me what you think, just tell me what’s in your portfolio.”
  • Nassim Taleb

Schon die antiken Griechen folgten dem kognitiven Leitsatz: “Pathemata Mathmata” oder “Leite das Lernen durch Schmerz”.

Es ist beinah unmöglich jemanden davon zu überzeugen, dass er oder sie falsch liegen – letztendlich kann das nur die Realität. Inwiefern entstehen echte und spürbare Konsequenzen für die prognostizierende Person im Falle, dass sie falsch liegt? Wie viel steht für die Person auf dem Spiel? Hieraus ergibt sich ein hilfreiches Framework auf welcher Basis Vorhersagen anderer Leute als glaubwürdig einzuschätzen sind.

“If you do not take risks for your opinion, you are nothing. [...] Avoid taking advice from someone who gives advice for a living, unless there is a penalty for their advice.”
  • Nassim Taleb

Nehmen wir November 2019 als Beispiel. Wie zu jedem Jahreswechsel wurden auch damals viele Aussagen und Annahmen über die Zukunft getroffen. Beinah alle davon völlig falsch. Fast alles, was wir Menschen im November 2019 über die Zukunft dachten, basierte auf Grundannahmen über das Jahr 2020, die eine Möglichkeit einer globalen Pandemie völlig außer Acht ließen. Niemand blickt auf diese Vorherssagen zurück und fordert Rechenschaft. Schließlich konnte ja niemand wissen, dass sich die Welt grundlegend verändern würde.

Dabei war die Vermutung einer Pandemie weit verbreitet. Unzählige Modelle hatten längst vor einer globalen Ausbreitung von Krankheitserregern gewarnt. Wir wussten das zoonotische Krankeitsübertragungen ständig stattfinden. Wir hatten bereits in jüngster Vergangenheit Erfahrung mit der internationalen Ausbreitung von Viren von Tier zu Mensch gemacht. Die Vermutung, dass ein solcher Vorfall eintreten würde war berechtigt. Aber an diese Vermutung eine prozentuale Warhscheinlichkeit zu knüpfen war unmöglich. Hätten wir akkurat eine Zahl an die Möglichkeit der Covid-Pandemie knüpfen können, hätte sie vermutlich nie stattgefunden.

Der ehemalige Sekretär des britischen Verteidigungsministerium Michael Quinlin fasst dieses Dilemma in dem nach ihm benannten Quinlin-Paradoxon zusammen:

“The expected, precisely because it is expected, is not be expected.
Rationale: What we expect, we plan and provide for; what we plan and provide for, we thereby deter; what we deter does not happen. What does happen is what we did not deter, because we did not plan and provide for it, because we did not expect it.”
  • Michael Quinlin

Im Jahr 1844 beschrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard in seinem Buch “The Concept of Anxiety” die Konfrontation dieser schier unendlichenen Möglichkeiten und Freiheiten im Leben -  als den Ursprung vieler Ängste und Unsicherheiten.

“Anxiety is the dizziness of Freedom”
  • Søren Kierkegaard

Er erklärt Angst als die schwindelerregende Wirkung von Freiheit. Die Grenzenlosigkeit der eigenen Existenz entfacht im Individuum eine Art existenzielles Paradox of Choice. Laut Kierkegaard resultiert die direkte Konfrontation mit der Ungewissheit der Zukunft in einer Art Lähmung. Ich habe letzte Woche schon über Verschwörungstheorien geschrieben. Und auch hier ergibt sich ein klares Bild warum Menschen lieber an etwas offensichtlich-falsches glauben möchten, als sich mit der Realität auseinander zu setzen. Der eigene Glaubensansatz wirkt in diesen Momenten nicht mal wie eine bewusste Entscheidung. Die eigene Ratio folgt vermutlich einfach dem Weg des geringsten Widerstands und der kleinstmöglichen Stressinduktion.

Das Buch "Radical Uncertainty" von John Kay und Mervyn King ist ein tiefer Einblick in die Geschichte der Finanzmarktprognosen. Es behandelt im Detail den Trugschluss, dass wir zukünftigen Ereignissen eine Wahrscheinlichkeit beimessen. Dabei gehen sie detailliert auf Dabatten der Wirtschaftstheorie des 20. Jahrhunderts ein und ob es für Menschen rational sei, anzunehmen, dass sie die Zukunft vorhersehen können. Und wenn die Zukunft geheimnisvoll und unwägbar ist, wie sollen wir dann mit Überzeugung in die Zukunft investieren und für sie planen? Laut Kay und King haben viele von uns unwissentlich eine fehlerhafte Denkweise in Bezug auf Unsicherheit geerbt.

Und hierauf läuft der Trugschluss hinaus: Wir verwechseln Risiko und Ungewissheit (Risk & Uncertainty). Genauer gesagt wird Risiko und Ungewissheit allgemeinhin als exakt dasselbe verstanden. “Radical Uncertainty” beschreibt diese zwei Konstrukte ausführlich und postuliert dabei die Notwendigkeit sie wieder grundlegend voneinander zu unterscheiden.

Was ist also der Unterschied zwischen Risiko und Ungewissheit?

Vereinfacht ist Risiko eine statistische Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ergebnisses. Nehmen wir einen normalen sechseitigen Würfel als Beispiel:
Das prozentuale Risiko, dass der Würfel bei einem einzelnen Wurf die Zahl 1 zeigt, liegt bei 16,6666%. Das Risiko ist die berechnete Wahrscheinlichkeit eines bestimmten und vordefinierten Ereignisses.

Stellen wir nun Ungewissheit dem Konzept von Risiko gegenüber. In einem Zustand der Ungewissheit ist es unmöglich, eine Schätzung oder einen Bereich von Ergebnissen zu definieren. Erst recht nicht vorherzusagen, welches Szenario eintreten wird. Wir können keine Gleichung aufstellen, wenn wir nicht verstehen, worum es in der Gleichung geht. Sich im November 2019 die Frage zu stellen wie hoch die prozentuale Wahrscheinlichkeit ist, dass eine globale Pandemie nur wenige Monate später die Weltwirtschaft lahmlegen würde ist abstrus.

Die Wikipedia-Liste zu Epidemien und Pandemien zeigt, dass diese Phänomene beinah jährlich stattfinden. Eine Prophezeiung die vorhersagt, wann eine bestimmte Zellteilung bei der Mutation eines Virus an einem bestimmten Ort stattfindet und Auswirkung auf die gesamte Welt haben wird, ist inhaltsleer. Es gibt immer ein Potenzial für ein solches Unglück, aber es ist sinnlos diesem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zuzuordnen.

In ihrem Buch kritisieren Kay und King diejenigen, die vorgeben sie würden Ungewissheit zähmen, indem sie diese mit Zahlen, Wahrscheinlichkeiten und Preisen schmücken. Die meisten Vorhersage- und Prognosemodelle sind in ihren Augen Pseudowissenschaften. In der echten Welt ist die Ungewissheit ein konstanter Begleiter. Da man unmöglich alle Inputvariablen im Modell berücksichtigen kann, laufen Vorhersagen auf mathematische Spielereien hinaus. Das erinnert an Ezra Solomons Spruch:

“The only function of economic forecasting is to make astrology look respectable.”
  • Ezra Solomon

Zusammengefasst ist fast alles, dass wir Menschen im November 2019 über die Zukunft gedacht und angenommen haben, falsch. Alle Gehirne der Welt hatten ungenaue Grundannahmen über das kommende Jahr. Rückblickend hält sich die Illusion hartnäckig, dass es einige vorausschauende Individuen haben kommen sehen. Wissenschaftler:innen haben längst davor gewarnt, dass sich Krankheitserreger global ausbreiten können und ein solcher Vorfall längst überfällig ist. Aber diese Wahrscheinlichkeit mit einer Prozentzahl zu verknüpfen war und ist unmöglich.

Die Ungewissheit ist eine nicht verhandelbare Tatsache des Lebens. Wovon wir tatsächlich eine Befreiung brauchen ist die hartnäckige Illusion es gäbe Gewissheit. Was also tun wenn wir nichts verstehen, vorhersagen oder kontrollieren können? Die Antwort der Systemtheoretikerin Donella Meadows ist die Folgende: tanzen.

Wir können uns nie mit Gewissheit in der Welt navigieren – aber wir können Überraschungen erwarten und dann aus ihnen lernen.

Show Comments