(German) Roam Research: Second Brain Basics

In der Schule war der Zweck von Notizen im Grunde die Übertragung der Tafelbeschriftung auf das eigene Papier. Ein bisschen wie ein unheimlich ineffizienter analoger Drucker. Maximal ein Textmarker kam noch zum Einsatz, der wichtige Textpassagen hervorheben sollte.

Über mein Studium hinweg habe ich mir nie wirklich effizient Notizen gemacht und mein Notizbuch diente eher als Stichwortverzeichnis von Dingen, die ich nicht vergessen wollte. Ausführliche Notizen kamen höchstens zum Einsatz, wenn es um Prüfungen ging.

Im Berufsleben ist nicht immer klar, wozu Notizen gemacht werden sollten. Niemand sagt einem, wo Notizen notwendig sind und erst recht nicht, was prüfungsrelevant ist. Wir müssen selbst entscheiden. Neben Informationen für den Beruf konsumieren wir je nach persönlichem Interesse Bücher, Artikel, Videos, Podcasts und Blogeinträge. Diese Informationen konkurrieren jeden Tag mit Mails, Notifications um unsere Aufmerksamkeit und Erinnerung. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir relevante Informationen auf Abruf verfügbar haben, wenn sie gebraucht werden ist gering.

Alle Antworten auf alle Fragen, die man sich stellen könnte, sind im Prinzip nur eine Google-Suche entfernt. Und genau hier liegt das Problem: Es sind zu viele mögliche Antworten auf zu viele mögliche Fragen – niemand behält einen Überblick.

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass Notizen nicht wirklich fokussiert werden. Es gibt kein unmittelbar negatives Feedback, wenn es schlecht gemacht wird. Informationen werden schlichtweg vergessen und das Vergessen wird nicht bemerkt. Ohne unmittelbare Erfahrung eines Misserfolgs, erleben wir natürlich auch kein größeres Bedürfnis, etwas daran zu ändern.

In den letzten Monaten beobachte ich einen faszinierenden Trend mithilfe von Technologie Ordnung in diese Informationsflut zu bringen. Dabei sollen wir aber nicht allein auf die Leistung unseres Gedächtnisses angewiesen sein.

Einige sprechen in diesem Kontext von sogenannten digitalen Personal Knowledge Systems oder dem Second Brain. Diesen Konzepten liegen zwei Bausteine zugrunde: Der erste Baustein ist das Programm oder die App, in der das Second Brain gebaut wird. Der zweite Baustein ist die Art und Weise wie Informationen aus unserer Welt in dieses Programm eingearbeitet werden.


Baustein 1 bedarf einer Auswahl aus unterschiedlichen digitalen Notizenapps und

Baustein 2 ist die Fähigkeit, sich effektiv Notizen zu machen.

Im Aufbau eines Second Brain gibt es einen vierstufigen Prozess der mit CODE abgekürzt wird.

  • Capture: Wertvolle Informationen aus dem Internet oder anderen Quellen abspeichern
  • Organize: Diese Informationen in kleine Teile aufbrechen und für eine spätere Nutzung aufbereiten
  • Distill: Aus diesen Teilinformationen Wissen extrahieren, das für die eigenen Ziele am relevantesten ist
  • Express: Dieses Wissen in einen kreativen Output gießen und mit anderen teilen

Dabei entsprechen digitale Notizen nicht unbedingt den bekannten analogen Notizen.

"A digital note is a knowledge building block – a discrete unit of information interpreted through your unique perspective and stored outside your head.
  • Tiago Forte

Es geht also nicht darum, von der "Tafel abzuschreiben" oder sich schriftlich Erinnerungshilfen zu bauen. Es geht um die Interpretation von Informationen. Diese Interpretationen werden miteinander in Verbindung gebracht. Mit jeder informativen Notiz und den entsprechenden Verbindungen wächst der Nutzen.

Quelle: David Perell (Write of Pessage)

In dem Buch "How to Take Smart Notes" beschreibt Sönke Ahrens den idealen Prozess, um Notizen zum Aufbau eines Second Brain anzulegen. Zu Beginn des Buches erklärt er das berühmte Zettelkasten-System von Niklas Luhmann. Luhmann hatte zwei unterschiedliche Typen von Notiz-Kästen:


Einen, der Notizen mit Literaturhinweisen und kurzen Beschreibungen des Inhalts enthielt.


Und einen Zweiten, deutlich wichtigeren, in dem er seine Ideen und Gedanken sammelte – vor allem seine Reaktionen auf das, was er las.
Wenn eine neue Notiz für ihn relevant war oder sich direkt auf eine bereits bestehende Notiz bezog wie beispielsweise ein Kommentar, eine Korrektur oder eine Ergänzung, dann fügte er die Notiz direkt hinter der thematisch relevanten Notiz ein.

Mit Unterstützung von Technologie können wir heute ein anderes System verwenden. Während sich Luhmann im Zettelkasten-System die Frage stellte, in welchem Kontext er die Notiz unterbringen soll., kann man sich im neuen System die Frage stellen: "In welchem Kontext möchte ich nochmal auf diese Notiz stoßen".

Hier sind vier der wichtigsten Hinweise zu Notizen von Sönke Ahrens:

1. Literaturnotizen:
Wenn man etwas liest, das man nicht vergessen möchte, das dem eigenen Denken hilft oder, das beim eigenen Schreiben verwenden werden könnte, macht man sich eine Notiz dazu. Sehr kurz, sehr selektiv und mit eigenen Worten.

2. Vorsicht bei Zitaten:
Zitate nicht einfach kopieren und dabei riskieren, den Schritt zu überspringen, wirklich verstanden zu haben, was es bedeutet.

3. Mere-Exposure Effect:
Immer wieder die gleiche Stelle zu lesen, um eine komplizierte Passage zu verstehen, ist nicht sinnvoll. In dem Moment, in dem wir zu vertraut mit etwas werden, neigen wir dazu, zu glauben, wir hätten es besser verstanden. Gleichzeitig tendiert man dazu, die Inhalte mehr zu mögen – nur durch das mehrmalige Lesen.

4. Stichworte:
Die Art und Weise wie Menschen ihre Stichworte zu einer Notiz wählen, zeigt, wie nützlich die Notiz in Zukunft sein wird. Geht es darum, die Notiz gut zu verstauen oder geht es darum, sie im richtigen Moment wiederzufinden.
Ein Archiv fragt: "Welche Stichworte passen am besten zum Thema?".
Das Second Brain fragt: "In welchem Kontext möchte ich über diese Notiz stolpern, selbst wenn ich sie vergessen habe?" Das ist ein großer Unterschied.


Mit dem Aufkommen moderner Technologie haben wir alle die Möglichkeit, die Aufgabe des "Erinnerns" an Computer auszulagern und sie sogar zu nutzen, um unser Denken zu verbessern und zu erweitern. Jetzt, da wir "Werkzeuge für das Denken" haben, sind wir frei, unseren Verstand der Kreativität zu widmen, zu der nur wir fähig sind.

"Far from making humans obsolete, better tools for thinking will free us to invest in ourselves. A Second Brain takes over the burden of remembering facts and details, so we are free to imagine, to create, and to enjoy our lives. The ultimate purpose of a Second Brain is to put our ideas to work for us, so we are free to live a more fulfilling and meaningful life."
  • Tiago Forte

Ich werde in den nächsten Wochen über Grundfunktionen von Roam Research schreiben und versuchen zu erklären, wie ich es für Second Brain, Task Management, Spaced Repetition, Produktivität und sogar für die Programmierung logischer Gedankengänge nutze. Ich freue mich sehr über Feedback und natürlich darüber, zu hören, was du spannend findest und worauf ich eingehen soll.

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